Sie befinden sich hier!

Roter Punkt und weißer Fleck


Der rote Punkt ist der natürliche Feind des weißen Flecks – zumindest auf der Landkarte.
Da, wo ein roter Punkt, d.h. ein Zeichen für eine Stadt oder einen Standort hinkommt, muss der weiße Fleck weichen, und es sieht so aus, als ob der Fleck das Spiel verloren hat. Auf den Landkarten unsere Welt ist er kaum noch zu finden. Er kann sich vielleicht noch in unterirdischen Höhlen oder in der Tiefsee verstecken, doch der menschliche Forscherdrang und die unablässig um die Erde kreisenden und fotografierenden Aufklärungssatelliten machen ihm das Leben schwer. Unserer alltäglichen Orientierung in Stadt, Land und Gebäuden hat das allerdings wenig geholfen. Ohne elektronische Hilfsmittel orientieren wir uns immer noch sehr mühsam mit Hilfe des roten Punktes, der allen Blindgängern und Verfransten „Sie befinden sich hier!“ zuruft.

Das „grafische Mikroklima“ rund um die Punkte, das unzählige Finger, Spazierstöcke und Kugelschreiber im Laufe der Jahre hinterlassen haben, zeugt von dieser Suche, so als müsse der Suchende sich durch die Berührung des Punktes seines DA-seins versichern: Ein Dokument menschlicher Orientierungs-versuche mit philosophischer Dimension: der zerkratzte Punkt als Metapher für das Suchen, Irren, Finden im menschlichen Leben - „…so wie eben alles, auf das man genau hinschaut zu einer Metapher für das Leben wird.“ - wie der österreichische Philosoph und Essayist Franz Schuh schreibt. Dies schreibt er aber immerhin über den Film „Night on Earth“ von Jim Jarmush, in dem Armin Müller-Stahl als orts-unkundiger Taxifahrer durch New York irrt.

Wenn man „genau hinschaut“ fällt aber auch die große Artenvielfalt der Daseinshinweise auf, die sie letztlich erst sammelnswert machen. Da gibt es rosa, schwarze, gelbe Punkte, die aber auch Quadrate, Dreiecke und Pfeile sein können ,die High-Tech Punkte, wie in Aspik zwischen Plexiglasplatten eingelegt, neben den alten Haudegen, von Sturm und Regen verwittert und vermoost, die liebevoll Handgemalten mit Sehenswürdigkeiten und Rehen, die dem Wandernden von der Wiese aus zusehen, und der in Plastikfolie eingeschweißten Bleistiftskizze auf der Infowand eines Campingplatzes.

Vor etwa 8 Jahren habe ich begonnen diese gleichermaßen bedeutungsschweren wie banalen Markierungen, von denen hier einige abgebildet sind, zu fotografieren - Google Earth light, gewissermaßen . Das „Überfliegen“ der Landschaft auf dem Orientierungsplan mit meiner Kamera in sehr geringer „Höhe“ ähnelt ja durchaus dem des „eigenen-Haus-Googlens“ im Internet. In beiden Fällen sieht man seinen eigenen Standort aus der Luft. Einmal als roten Punkt und einmal als ein etwas unscharfes Rechteck.
Die Suche nach Punkten führte mich kreuz und quer durch die westfälische Landschaft und anderswo hin und ähnelte manchmal, wenn ich mit der Ausbeute in meiner digitalen Botanisiertrommel nach Hause kam, der Suche eines Forschers des 19. Jahunderts, der ein seltenenes Insekt entdeckt hat. Zugegeben, die Berkel bei Köckelwick ist nicht der Amazonas und der Schöppinger Berg nicht der Chimborazo, aber in einer Welt, von der behauptet wird, sie sei ein Dorf, kann das Exotische auch vor der Haustür liegen.